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Kultur & Gesellschaft

 

Elly Heuss-Knapp
Ausblick vom Münsterturm
Erinnerungen an das alte Straßburg und die eigene Familie

 
 

Elly Heuss-Knapp - Ausblick vom Münsterturm

Elly Heuss-Knapp
Ausblick vom Münsterturm
Erinnerungen
188 Seiten mit einem Stammbaum
und vier Zeichnungen von Theodor Heuss
Format 11,5 x 18,7 cm
Gebunden mit Schutzumschlag
16,00 € / 29,10 Fr.
ISBN 978-89850-167-5 

Erscheinungstermin: Januar 2008

 

Leseprobe:
Turnvater Jahn beim Urgroßvater

Knapp setzte sich auf ein hohes Pferd und ritt kurz vor der Ernte durch die Getreidefelder. Es waren ihm schmale Streifen aufgefallen, worauf das Korn nur mager wuchs. Die zeichnete er genau in Karten ein, und im Winter grub man nach und fand die alten Grenzwälle. Der Graf von Erbach ließ sie freilegen, und der Urgroßvater veröffentlichte eine Arbeit darüber, die von den Historikern als Anfang der Aufhellung der deutschen Frühgeschichte angesehen wird …

Eines Tages, als die junge Frau Rat Knapp allein zu Hause war, ging die Tür auf und ein großer, bärtiger Mann in Wanderkleidung trat herein. „Guten Tag, bist du die Elise Knapp?“ So lautete sein Gruß. Ja, sagte die junge Frau nicht ohne Schrecken. „Ist dein Mann zu Hause?“ Nein. „Nun, so werde ich auf ihn warten.“ Sagt’s und legt sich aufs Sofa.

Die Frau Rat schickt die Magd, die den Herrn aus einer Sitzung holt. „Der Herr Rat möchte schnell heimkommen, es ist einer da, und er liegt schon auf dem Kanapee.“ Die Botschaft klang seltsam genug. – Als der Hausherr seine Stube betritt, sagt der wunderliche Gast: „Du bist also der Knapp, ich bin der Jahn. Ich komme zu Fuß von Berlin und will deinen Limes ansehen.“ Sehr erfreut verabredet der Kammerrat Knapp, daß er den Grafen Franz um eine Audienz für morgen früh bitten werde, um womöglich den berühmten Turnprofessor im gräflichen Jagdwagen begleiten zu können.

Der Turnvater Jahn bleibt als geehrter Gast im Haus, und am anderen Morgen stehen die beiden vor dem Grafen. Dieser empfängt den Fremden freundlich. „Sie sind mir bereits rekommandiert durch meine Kusine, die Fürstin von Leiningen.“ Jahn wirft den Kopf zurück: „Ich gebe nichts auf Rekommandationen.“ Der Graf Franz erstarrt, dreht sich auf dem Absatz herum und verläßt das Zimmer. Die Audienz ist beendet, der Traum vom Jagdwagen ausgeträumt. Die beiden stapfen zu Fuß durch den Wald und besichtigen die römischen Grenzwälle.

Am Abend findet Knapp einen Brief des Grafen: „Ihr Gast ist ein Esel, aber er soll mir morgen zur Tafel willkommen sein.“ …

Der Großvater erzählte auch von dem berühmtesten Glied unserer Familie, seinem Lehrer und Schwager Justus von Liebig. Bei ihm hatte er die Chemie gelernt und noch in sehr jungen Jahren sich mit Liebigs Schwester verlobt …

Wir Kinder waren von dem Tage an auf den berühmten Onkel stolz, als wir nach Miltenberg mit einer Lokomotive fuhren, die den Namen Justus von Liebig trug. Das dünkte mich eine noch viel größere Ehre, als daß er in Stein gehauen am Dachrand der Straßburger Universität stand …

Ein Richter wies mir aus dem Stammbaum nach, daß er mit mir verwandt sei. „Sie wisset doch hoffentlich, daß Sie von der zweitvornehmste Familie in Württemberg abstamme, das sind die Knapps.“ „Nein“, sagte ich, „ich bin bereit, von heut an sehr eitel darauf zu werden. Wer ist denn aber die vornehmste?“ – „Ha, darum streite sich elf“, war die echt schwäbische Antwort.

 

Fast ein Vierteljahrhundert – von 1881 bis 1905 – hat Elly Knapp in Straßburg gelebt. 1908 heiratete sie hier Theodor Heuss, der 1949 der erste deutsche Bundespräsident wurde. Getraut hat die beiden der Pfarrer, Orgelspieler und Medizinstudent Albert Schweizer aus dem Freundeskreis der Braut. Seit 1933 durfte Elly Heuss-Knapp nicht mehr als Rednerin und im Rundfunk auftreten. Sie wurde eine erfolgreiche Werbefachfrau, um die Familie zu ernähren, beschrieb aber auch unter dem Titel „Ausblick vom Münsterturm“ 1934 ihr Leben im damals deutschen Straßburg vor dem Ersten Weltkrieg und ihre Zeit danach – eine der schönsten Erinnerungen an eine untergegangene Welt.

Elly Heuss-Knapp

Elly Heuss-Knapp wurde 1881 in Straßburg als Tochter des Nationalökonomie-Professors Georg Friedrich Knapp und einer russischen Generalstochter geboren. 1899 legte sie ihr Lehrerinnenexamen ab, 1905 begann sie das Studium der Volkswirtschaft in Freiburg i. B. Nach der Heirat mit Theodor Heuss zog sie mit ihm 1908 nach Berlin, 1912 nach Heilbronn, 1918 wieder nach Berlin. Vor 1933 hielt sie viele Vorträge und schrieb zahllose Artikel, danach übernahm sie Werbeaufträge für große Firmen, u. a. für AEG, Beiersdorf (Nivea), Bosch, Henkel (Persil), und erfand das akustische Werbezeichen. Theodor Heuss wurde 1945 Kulturminister in Stuttgart, seine Frau Landtagsabgeordnete. Nach der Wahl von Heuss zum Bundespräsidenten gründete Elly Heuss-Knapp 1950 das Deutsche Müttergenesungswerk. 1952 starb sie in Bonn und wurde in Stuttgart
beigesetzt.

 
     

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