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Arnulf Baring
Deutschland gehört nicht
nur den Deutschen
Rückblicke und Ausblicke
300 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
13,5 x 20,5 cm
19,90 € / 36,00 Fr.
ISBN 978-3-89850-154-5
Erscheinungstermin: März 2007
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Daß Deutschland nicht nur den Deutschen gehört, „jedenfalls nicht in wesentlichen Bezügen“, ist eine Erkenntnis unserer Geschichte: Im Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück 1648 erlangten nichtdeutsche Staaten wie Frankreich und Schweden viele Mitspracherechte in Deutschland. Seitdem hat jede große Verschiebung in Europa auch die Frage nach der Zukunft und Gestalt Deutschlands gestellt. Vor diesem Hintergrund blickt Arnulf Baring in engagierten und stilistisch brillanten Betrachtungen auf die deutsche Entwicklung der letzten Jahre zurück, versucht bei aller Skepsis gegenüber der heutigen Situation aber auch, Wege in die Zukunft aufzuzeigen, die oft durch Neuland führen.
Deutsche haben über Jahrhunderte hinweg dieses Land geprägt. Was man heute – nach den Verheerungen des Krieges und der Nachkriegszeit – an bemerkenswerten steinernen Zeugnissen sehen kann, stammt fast ausschließlich aus deutscher Zeit. Und da gibt es erschütternde Unterschiede zwischen den polnischen und litauischen Teilen Ostpreußens einerseits und dem russischen Teil andererseits.
Polen und Litauen
In Polen und in Litauen wird das deutsche kulturelle Erbe angenommen und erhalten, ja gepflegt, im Maße des Möglichen, des nur begrenzt Möglichen. Beide Länder sind ja trotz aller Anstrengungen, die man seit Anfang der neunziger Jahre unternimmt, immer noch, verglichen mit uns, arme Länder … Verglichen mit Rußland, mit Russisch-Ostpreußen, geht es Polen und Litauen freilich glänzend. Kommt man aus Rußland, empfindet man das Memelland im Norden oder Ermland und Masuren im Süden wirklich als blühende Landschaften. Denn Russisch-Ostpreußen ist zugrunde gerichtet worden. Auf weite Strecken ist dieser einst wohlhabende Landstrich über Jahrzehnte hin immer mehr zur Wüste geworden. Wirklich zur Wüste? Ist das nicht weit übertrieben? Nein. In Königsberg – Pardon: in Kaliningrad, denn die heutige Stadt ist weitaus mehr Kaliningrad als Königsberg -also in Kaliningrad gab es jetzt Anzeichen einer Verbesserung der Lage gegenüber unserem Besuch vor fünf Jahren: Auf dem Lande wird dieser halbwegs positive Eindruck sofort zerstört. Mindestens zwei Drittel der Ortschaften aus deutscher Zeit sind spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Man findet keine Mauer, keinen Schornstein mehr. Erst beim Graben kommen an wüsten Plätzen, bei denen Fliederbüsche oder auch Obstbäume mitten im Gebüsch auf frühere Ortschaften schließen lassen, Ziegelsteine als Beweisstücke ehemaliger Ansiedlungen ans Tageslicht.
Vielleicht am tiefsten hat uns das Verschwinden der Kirchen berührt. Viele von ihnen, wenn nicht die meisten, sind unbeschädigt über den Krieg gekommen – und jetzt? Oft stehen nur noch die Kirchtürme, häufig die Umfassungsmauern. Aber das Inventar, alles Hölzerne überhaupt, ist längst verheizt worden. Die Dachziegel wurden frühzeitig anderswo verwandt. Jetzt sind auch längst die Fußböden verschwunden, und wilde Gruben im Erdboden zeigen an, daß Grabräuber einen Ring, vielleicht etwas Silbernes, zu ergattern hofften.
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Kirche als Zentrum
Ich habe nie zuvor so deutlich empfunden, daß mit der Kirche in der Ortsmitte nicht nur die Religion verschwindet. Es vergeht, verweht weit mehr: ein lokales Zentrum der Zivilisation. Wenn man dann wieder in Polen ist, die Kirchen mit ihren alten Altären, holzgeschnitzten Kanzeln und Emporen sieht, wenn man die Glocken läuten, die Gläubigen singen hört, möchte man, auch als Nichtkatholik, überhaupt als nicht unbedingt kirchen-frommer Mensch, vor Glück und Dankbarkeit auf die Knie sinken: Hier, tief in Polen, Hunderte von Kilometern von Deutschland entfernt, fühlt man sich in einem solchen Moment, nach der Untergangserfahrung drüben bei den Russen, wie geborgen, von Gleichgesinnten, von Europäern, umgeben und beschützt. Man fühlt sich im Westen …
Warum habe ich das alles berichtet?Einmal, weil es uns Deutsche hier zwischen Rhein und Oder dankbar machen sollte, daß uns das Schicksal Ostpreußens erspart blieb.
Was Sozialismus war
Sodann zweitens, weil man nirgendwo in unserer Nähe so deutlich sehen kann, was der sowjetische Sozialismus in Wahrheit bedeutete und mit sich brachte: eine lange, qualvolle Stunde Null. Ein Absturz, dem nie wieder ein tragfähiger Boden des Neubeginns folgte. Man wird vielleicht Moskau nicht vorwerfen können, daß die Russen das nördliche Ostpreußen als Kriegsbeute an sich brachten. Aber die Geschichte wird hart beurteilen, was man seit 1945 aus dieser einst reichen Provinz gemacht hat. Die dritte Lehre, die ich aus Ostpreußen mitgebracht habe, ist vielleicht für uns Heutige die wichtigste. Vielerorts in Deutschland, wird ein Werteverfall beklagt, das Verschwinden der Vorbilder, die moralische Gleichgültigkeit. Wir haben vergessen oder bagatellisieren, was die Kirchen bedeuten und symbolisieren: Orientierungspunkte, die den Menschen Halt geben können. Man muß nicht Christ sein, um zu erkennen, daß alle europäischen Wertordnungen aus unserer christlichen Tradition heraus gewachsen sind – und sei es in Auseinandersetzung mit ihr, zugleich jedoch von ihr geprägt.
Dr. jur. Arnulf Baring, geboren am 8. Mai 1932 in Dresden, war Professor für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen an der FU Berlin. Nach dem Studium in Hamburg, Berlin, Freiburg (Breisgau), New York, Speyer und Paris ist er im WDR, an der Harvard University, im Bundespräsidialamt, an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen, am Wilson-Center in Washington und am East-West-Institute in New York tätig gewesen. Er hat Bücher über den 17. Juni 1953, Charles de Gaulle, die Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie und den Machtwechsel in der Ära Brandt – Scheel veröffentlicht. 1988 erschien „Unser neuer Größenwahn“, 1991 „Deutschland, was nun?“, 1997 „Scheitert Deutschland?“ und 1999 „Es lebe die Republik, es lebe Deutschland“.
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